Wie ein amerikanischer Herzspezialist mit einer radikalen Ernährungsumstellung die Kardiologie herausforderte – und was die Wissenschaft heute dazu sagt.
Herzinfarkt – eine Einbahnstrasse?
Wer einmal an einer koronaren Herzkrankheit leidet, muss damit rechnen, dass sich seine Herzkranzgefässe weiter verengen. Medikamente, Stents und Bypassoperationen gehören zu den bekannten Behandlungsmöglichkeiten.
Aber was wäre, wenn sich dieser Prozess durch eine konsequente Ernährungsumstellung aufhalten oder sogar teilweise umkehren liesse?

Genau diese Frage stellte sich der amerikanische Arzt Dr. Caldwell B. Esselstyn Jr., der viele Jahre an der renommierten Cleveland Clinic in Ohio tätig war.
Seine Überzeugung: Die westliche Ernährung mit viel Fleisch, Milchprodukten, gesättigten Fetten und stark verarbeiteten Lebensmitteln trägt wesentlich zur Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei.
Seine Lösung war radikal: eine nahezu fettfreie, ausschliesslich pflanzliche Ernährung.
Das Experiment beginnt 1985
Esselstyn begann 1985 eine kleine Untersuchung mit 22 Patienten, die bereits unter einer schweren koronaren Herzkrankheit litten.
Viele hatten zuvor Herzinfarkte erlitten oder waren medizinisch behandelt worden. Die Patienten sollten ihre Ernährung grundlegend verändern.

Auf dem Speiseplan standen fortan:
- Gemüse und Salate
- Frisches Obst
- Vollkornprodukte
- Bohnen, Linsen und andere Hülsenfrüchte
- Kartoffeln und andere stärkehaltige Lebensmittel
Dagegen wurden Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und zugesetzte Pflanzenöle gestrichen.
Zusätzlich erhielten die Patienten bei Bedarf Medikamente zur Cholesterinsenkung.
Das Ziel war, den LDL-Cholesterinspiegel deutlich zu reduzieren und damit die weitere Bildung von Ablagerungen in den Herzkranzgefässen zu begrenzen.
Die erstaunlichen Ergebnisse
Die langfristige Auswertung konzentrierte sich auf 18 Patienten.
Bei einem Teil der Patienten zeigten Kontrolluntersuchungen, dass sich Verengungen der Herzkranzgefässe nicht weiter verschlechterten. Bei einigen waren sogar Rückbildungen erkennbar.
Das war bemerkenswert, denn lange galt die Arteriosklerose als weitgehend unumkehrbarer Prozess.
Allerdings war die Untersuchung klein, nicht randomisiert und ohne geeignete Kontrollgruppe. Ausserdem wurden gleichzeitig Medikamente eingesetzt.
Trotzdem lieferte sie interessante Hinweise darauf, dass sich der Verlauf einer bereits bestehenden Herzkrankheit durch intensive Veränderungen des Lebensstils günstig beeinflussen lässt.
Die grosse Nachfolgeuntersuchung von 2014
Fast drei Jahrzehnte später veröffentlichte Esselstyn eine weitere Untersuchung mit 198 Patienten, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten.
177 Patienten hielten sich nach eigenen Angaben konsequent an die empfohlene pflanzliche Ernährung. 21 Patienten taten dies nicht.
Die durchschnittliche Beobachtungszeit betrug rund 3,7 Jahre.
Die veröffentlichten Ergebnisse waren beeindruckend:
Bei den 177 konsequenten Teilnehmern wurde lediglich ein erneutes schweres kardiovaskuläres Ereignis dokumentiert. Das entspricht rund 0,6 Prozent.
Bei den 21 Patienten, welche die Ernährungsregeln nicht einhielten, waren es dagegen rund 62 Prozent.
Ein gewaltiger Unterschied!
Allerdings darf man diese Zahlen nicht mit dem Ergebnis einer kontrollierten Medikamentenstudie verwechseln. Die beiden Gruppen waren nicht zufällig gebildet worden. Deshalb ist nicht geklärt, welcher Anteil des Unterschieds tatsächlich durch die Ernährung verursacht wurde.
Was sagt die heutige Wissenschaft?
Esselstyn war nicht der einzige Forscher, der sich mit der Wirkung von Ernährung auf Herzkrankheiten beschäftigte.
Auch andere Untersuchungen zeigen, dass Ernährung und Lebensstil einen erheblichen Einfluss auf die Herzgesundheit haben können.
Besonders interessant sind drei Forschungsrichtungen.
1. Dean Ornish – Rückbildung von Gefässverengungen
Der amerikanische Arzt Dean Ornish untersuchte bereits in den 1990er-Jahren, ob sich koronare Herzkrankheiten durch intensive Veränderungen des Lebensstils beeinflussen lassen.
Sein Programm kombinierte eine sehr fettarme vegetarische Ernährung mit Bewegung, Stressmanagement und sozialer Unterstützung.
In einer kleinen randomisierten Studie zeigte die Interventionsgruppe nach fünf Jahren im Durchschnitt eine leichte Rückbildung der gemessenen Koronarverengungen, während sie sich in der Kontrollgruppe verschlechterten.
Damit lieferte Ornish wichtige zusätzliche Hinweise. Allerdings konnte auch hier der Effekt der Ernährung nicht von den übrigen Lebensstiländerungen getrennt werden.
2. Die Mittelmeerernährung – weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle
Die grosse spanische PREDIMED-Studie untersuchte eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen, Olivenöl und Fisch.
Bei Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko traten unter den untersuchten mediterranen Ernährungsformen weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse auf als in der Vergleichsgruppe.
Interessanterweise war diese Ernährung keineswegs extrem fettarm.
Sie enthielt ausdrücklich Olivenöl oder Nüsse.
Das zeigt: Nicht jedes Fett ist automatisch schädlich. Entscheidend sind unter anderem die Art der Fettsäuren und die gesamte Ernährungsqualität.
3. LDL-Cholesterin – ein entscheidender Risikofaktor
Die moderne Herz-Kreislauf-Forschung bestätigt, dass LDL-Cholesterin eine ursächliche Rolle bei der Entstehung von Arteriosklerose spielt.
Eine deutliche und dauerhafte Senkung des LDL-Cholesterins reduziert nachweislich das Risiko für Herzinfarkte und andere kardiovaskuläre Ereignisse.
Eine pflanzenbetonte Ernährung kann dazu beitragen, insbesondere wenn gesättigte Fette durch ungesättigte Fette und ballaststoffreiche Lebensmittel ersetzt werden.
Bei bereits bestehender Herzkrankheit reichen Ernährungsänderungen allein allerdings häufig nicht aus, um die empfohlenen LDL-Zielwerte zu erreichen.
Muss man wirklich auf jedes Öl verzichten?
Hier liegt einer der grössten Streitpunkte zwischen Esselstyns Konzept und den heutigen Ernährungsempfehlungen.
Esselstyn empfiehlt den konsequenten Verzicht auf zugesetzte Öle, einschliesslich Olivenöl.
Die moderne Ernährungswissenschaft sieht das differenzierter.
Ungesättigte Fettsäuren aus Olivenöl, Nüssen und Samen können sich günstig auf die Herzgesundheit auswirken, insbesondere wenn sie gesättigte Fettsäuren ersetzen.
Es gibt bisher keine überzeugenden randomisierten Langzeitstudien, die belegen, dass der vollständige Verzicht auf pflanzliche Öle einer ausgewogenen mediterranen Ernährung überlegen ist.
Was bleibt von Esselstyns Erkenntnissen?
Auch wenn seine Untersuchungen methodische Schwächen haben, ist die grundlegende Botschaft durchaus aktuell:
Unsere Ernährung beeinflusst nicht nur das Risiko, eine Herzkrankheit zu entwickeln, sondern möglicherweise auch den weiteren Verlauf einer bereits bestehenden Erkrankung.
Dafür muss man allerdings nicht zwangsläufig jedes Gramm Fett vermeiden.
Die wissenschaftlich gut belegten Grundprinzipien sind vergleichsweise einfach:
- Viel Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte essen.
- Vollkornprodukte gegenüber raffinierten Kohlenhydraten bevorzugen.
- Gesättigte Fette reduzieren und durch geeignete ungesättigte Fette ersetzen.
- Stark verarbeitete Lebensmittel einschränken.
- LDL-Cholesterin und Blutdruck kontrollieren.
- Regelmässige Bewegung in den Alltag integrieren.
- Auf das Rauchen verzichten.
Wer bereits an einer koronaren Herzkrankheit leidet, sollte solche Massnahmen mit seiner ärztlichen Behandlung kombinieren und verordnete Medikamente nicht eigenständig absetzen.
Mein Fazit: Der Speiseplan gehört zur Herztherapie
Die Esselstyn-Studien sind faszinierend, weil sie eine wichtige Frage aufwerfen:
Warum konzentrieren wir uns bei Herzkrankheiten so stark auf Medikamente und technische Eingriffe, während wir die tägliche Ernährung manchmal unterschätzen?
Die Antwort ist nicht, dass Medikamente, Stents oder Bypassoperationen überflüssig wären. Gerade bei akuten oder schweren Erkrankungen können sie lebensrettend sein.
Aber Esselstyn hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Ernährung als Bestandteil der Behandlung stärker ins Bewusstsein zu rücken.
Seine Untersuchungen zeigen interessante Möglichkeiten, sind aber kein endgültiger Beweis dafür, dass ausschliesslich eine extrem fettarme vegane Ernährung Herzkrankheiten rückgängig machen kann.
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis deshalb gar nicht, dass wir alle exakt nach Esselstyn essen müssen. Sondern dass wir mit dem, was täglich auf unserem Teller liegt, unsere Herzgesundheit erheblich beeinflussen können.
Wissenschaftliche Quellen zum Blogartikel
Die zentralen Aussagen lassen sich anhand dieser Originalveröffentlichungen nachvollziehen:
- Esselstyn et al. (2014): A Way to Reverse CAD? – Die Untersuchung mit 198 Patienten. PubMed
- Ornish et al. (1998): Intensive Lifestyle Changes for Reversal of Coronary Heart Disease – Die Fünfjahresstudie zu Lebensstiländerungen. JAMA Network
- PREDIMED (2018): Mediterranean Diet and Cardiovascular Disease – Die korrigierte Veröffentlichung zur mediterranen Ernährung. PubMed
Veröffentlicht von PeterPan 











