Manchmal braucht es gar keinen Lottogewinn, um das Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Bei Ludwig Thomas „Der Schusternazi“ (1905) reicht eine Erbschaft – und schon glaubt ein einfacher Schuster, er müsse fortan in einer ganz anderen Liga spielen.

Doch bevor es losgeht, eine wichtige historische Erklärung: „Nazi“ bedeutet hier nicht das, was wir heute damit verbinden. Der „Schusternazi“ heißt eigentlich Ignaz Stanglmayer. „Nazi“ war damals eine gebräuchliche Kurzform von Ignaz. Das Stück stammt aus einer Zeit lange vor dem Nationalsozialismus.
Vom Schuster zum feinen Herrn
Ignaz Stanglmayer ist ein einfacher Schuhmacher. Dann kommt der überraschende Geldsegen: Er erbt ein beträchtliches Vermögen.
Und damit beginnt das eigentliche Drama – oder besser gesagt: die Komödie.
Denn Stanglmayer denkt nun offenbar: Wenn ich reich bin, muss ich auch vornehm sein.
Seine bisherigen Freunde und Bekannten aus Schmalzling erscheinen ihm plötzlich nicht mehr standesgemäß. Stattdessen möchte er in die höheren gesellschaftlichen Kreise aufsteigen.
Der Schuster hat also nicht nur Geld bekommen – er bekommt gleichzeitig einen gehörigen Höhenflug.
Die Betrüger stehen schon bereit
Natürlich bleiben solche Entwicklungen nicht unbemerkt.
Findige Geschäftsleute erkennen schnell, dass Stanglmayer zwar reich, aber ziemlich leichtgläubig ist. Sie machen ihm lukrative Geschäfte schmackhaft und verkaufen ihm unter anderem wertlose Waldgebiete in Russland beziehungsweise den Karpaten.
Als wäre das nicht schon genug, bekommt der ehemalige Schuster sogar einen Adelstitel verpasst.
Aus Ignaz Stanglmayer wird damit praktisch über Nacht ein Mann, der sich für etwas ganz Besonderes hält.
Dumm nur: Die feine Gesellschaft interessiert sich weniger für seinen guten Namen als für sein gutes Geld.
Eine falsche Gräfin darf natürlich nicht fehlen
Besonders köstlich wird die Geschichte, als eine falsche ungarische Gräfin auftaucht.
Stanglmayer ist von ihrem Auftreten beeindruckt und merkt nicht, dass auch sie es vor allem auf sein Vermögen abgesehen hat.
Man könnte sagen: Er hat Geld geerbt – und dafür gleich mehrere neue Freunde gefunden.
Nur leider sind diese Freunde ungefähr so ehrlich wie ein Gebrauchtwagenhändler mit einer kaputten Hupe.
Am Ende ist das Geld weg
Irgendwann platzt die Seifenblase.
Die Geschäfte erweisen sich als Schwindel, das Vermögen verschwindet und Stanglmayers Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg ist beendet.
Was bleibt?
Seine alten Freunde – und die Erkenntnis, dass sie offenbar wesentlich mehr wert sind als der ganze vornehme Zirkus.
Was Thoma eigentlich sagen wollte
Hinter dem Humor steckt eine durchaus ernste Botschaft: Geld macht einen Menschen nicht automatisch glücklicher oder besser.
Stanglmayer scheitert vor allem daran, dass er wegen seines Reichtums unbedingt jemand anderes sein möchte.
Ludwig Thoma nimmt damit Eitelkeit, Geldgier und den Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung aufs Korn.
Und genau deshalb wirkt die Geschichte erstaunlich zeitlos. Denn auch heute gibt es Menschen, die nach einem gewissen finanziellen Erfolg plötzlich glauben, dass Turnschuhe, Jeans und die alten Freunde nicht mehr standesgemäß sind.
Fazit
„Der Schusternazi“ ist eine humorvolle Geschichte über einen Mann, der reich wird und dabei beinahe den Verstand – und seine Freunde – verliert.
Am Ende muss er feststellen: Man kann sich zwar einen Adelstitel kaufen, aber echte Freunde gibt es nicht im Sonderangebot.
Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre des Stücks: Schuster, bleib bei deinen Leisten – zumindest solange sie bequem sind.






