Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 4

8. Januar 2006

Der lange Weg nach Sacramento – Teil 4:

Pedro kannte Enrico de La Espuma-Agita, kurz Rico genannt, sehr gut. Als die Ranch de Gorrión noch von den Eltern von Pedro und Miguel bewirtschaftet wurde, arbeitete Rico auf dem angrenzenden Gut der Escobars. Die Escobars hatten eine Pferdezucht und Rico war für das Zureiten der Zuchtpferde zuständig. Falls die Zeit es zuliess waren Pedro, Miguel, Cristiano und Rico aber auch in der Pampa und in den Bergen unterwegs und fingen Wildpferde ein. Diese versuchten sie dann gemeinsam zu zähmen. Rico besass ein Händchen für Pferde und hatte schon damals die besten Erfolge beim Zureiten. Allerdings verschwand er dann plötzlich von heute auf morgen. Angeblich hatte er den Job zu wörtlich genommen; denn Papa Escobar hatte ihn inflagranti mit dem 16jährigen Töchterchen Margarita Escobar in der Scheune erwischt. Seit dieser Zeit war Enrico de La Espuma-Agita spurlos verschwunden – mindestens 15 Jahre lang. Pedro klopfte Cristiano auf die Schulter, welcher sich im Rhythmus der Musik mit dem Glas in der Hand bewegte. Dann erzählten Miguel und Pedro auch Cristiano, dass der Tänzer rechts auf der Bühne eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit Rico hätte. Cristiano drehte sich blitzschnell um, stellte sich auf die Zehenspitzen, warf einen kurzen Blick Richtung Bühne, drehte sich wieder zu Miguel und Pedro und nickte heftig. Es musste somit Rico sein. Das war Pedro eine Runde Whiskey wert. Er winkte dem Barkeeper. Dieser wollte vier Gläser einschenken. Pedro winkte erneut und deutete auf eine Flasche im Regal unter dem Spiegel.

Der Barkeeper stellte die Whiskey-Flasche, vier Gläser und eine Portion Eisstücke auf die Theke. Beato schaute verwirrt zuerst die Flasche und dann die drei Freunde an. „Schon wieder feiern bis der Totengräber kommt?“ Stand in seinem Gesicht. „Was heisst schon wieder?“ Die letzte gemeinsame Flasche Whiskey war fast genau ein Jahr her. Miguel hatte sich damals die Schulter böse geprellt, als er beim nach Hause Ritt vom Pferd fiel. Und das auch nur, weil er verkehrt herum aufgestiegen war und verzweifelt das Halfter gesucht hatte. Er beugte sich zu weit vorn/hinten über den Schweif und schon war es geschehen. Auch Beato wurde schliesslich über den Fall Rico informiert, Pedro füllte die Gläser und die vier stiessen auf den Abend an. Der erste Whiskey brennt am meisten, besonders wenn es sich um schwarz Gebrannten handelt. Cristiano stellte das Glas ab und nahm einen tiefen Zug aus der Kubanischen Zigarre. Er lehnte sich an die Theke und schnitt dann ein besonders brisantes Thema an. „Weiss Rico, dass sein Scheunen-Reiten mit Margarita nicht ohne Folgen geblieben ist und er Papa Escobar zum Opa gemacht hat? Und die beiden Brüder Escobar lange nach Rico geforscht hatten?“ Die vier Amigos schauten zuerst zum immer noch tanzenden Rico und dann sich gegenseitig an – gemeinsames Kopfschütteln. Margarita Escobar ist heute 31 und lebt mit ihre 14jährigen Tochter Francesca immer noch auf der Ranch der Escobar`s. Der Gag an der Sache: In der zum Gästehaus umgebauten Scheune.

Der Vorhang schloss sich und übertosender Applaus erfüllte den Saloon. Die Flamenco-Truppe legte eine Pause ein. Der Klavierspieler war an der Reihe und er haute in die Tasten. Miguel beobachtete aus den Augenwinkeln wie Enrico den Arm um seine brünette Flamenco-Partnerin legte und die beiden dann von der Bühne her quer durch die Menschenmenge plaudernd und lachend zur Theke kamen. Als die beiden an den vier Amigos vorbei gingen, drehten sich die Vier um und riefen „Olá Rico!“ Rico stand kurz wie angenagelt da, dann lachte er und man begrüsste sich per Handschlag. Rico stellte die brünette Tanzpartnerin vor. Ihr Name war Amelie. Pedro besorgte noch zwei Gläser und schenkte Whiskey nach. Rico erzählte, dass er sich nach seinem Verschwinden nach Spanien – nahe Barcelona – abgesetzt hatte. Die Karte für die Überfahrt nach Europa verdiente er sich angeblich als Tellerwäscher und Zeitungsjunge. In Barcelona verdingte er sich dann für 4 Jahre auf einem Gestüt als Pferdepfleger, bis es zum Zerwürfnis mit dem Besitzer kam. Dann nahm er seine Ersparnisse und reiste zurück nach Colorado. Amelie lernte er erst vor wenigen Wochen in San Francisco kennen. Als ein Flamenco-Tänzer kurz vor Beginn der Tournee sich ein Bein brach, hätte Amelie dann Rico überredet einzuspringen. Nun tingelte er zusammen mit der Flamenco-Truppe durch das Land, was ihm Spass machte, weil man immer neue Leute kennen lernen würde. Dabei nahm er Amelie in den Arm und sah ihr tief in die Augen. Und alte Freunde treffen würde! Und Rico prostete den vier Amigos zu. Miguel erzählte, dass er nun die Ranch führen würde und was so noch in den letzten Jahren passiert war. Amelie wandte sich zu Pedro und fragte, woher er und seine Freunde Rico kennen würden. Amelie merkte man einen französischen Dialekt an und sie sah von der Nähe noch besser aus, aber „der helle Schein“ war verschwunden. Pedro sah in ihre blauen Augen, nahm einen tiefen Zug aus der Zigarre und bliess den Rauch über die Nase langsam aus. Dann machte er eine raumgreifende Bewegung mit dem Arm und brachte nur ein „Rico kennen wir schon sehr lang“ heraus. Amelie erzählte Pedro, dass sie aus Paris kommen würde und klassisches Ballet gelernt hätte. Cristiano rempelte Pedro an und beide warfen sich einen viel sagenden Blick zu. Rico bot Amelie den Arm an und bedeutete den anderen, dass die Flamencoparty gleich weiter gehen würde. Beide gingen zurück zur Bühne und verschwanden hinter dem Vorhang.


Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 3

8. Januar 2006

Der lange Weg nach Sacramento – Teil 3:

Dann öffneten sich die Vorhänge links und rechts der Bühne ganz. Von jeder Seite betraten je zwei Gitarrespielende Mexikaner die Planken. Auch zwei Bongospielende Mexikaner kamen hinzu. Sie hatten grosse bordürengeschmückte Sombreros auf und trugen farbenfrohe Kostüme. In diesem Moment stand die Lady mit ausladenden Schritten vom roten Stuhl auf, schaute zur Seite, erhob ihre Hände und fing an im Takt zu klatschen und mit den Füssen zu stampfen. Dann nahm sie ihren Rock, hob ihn auf einer Seite an, reckte die andere Hand in die Höhe und drehte sich mehrmals. Der Flamencoabend hatte begonnen. Die Menge sprang von den Tischen auf, johlte und klatsche mit. Tische fielen um, Stühle fielen um, Gläser fielen um. Wildfremde Menschen fielen sich um den Hals und tanzten. Zwei Frauen drängten sich an uns vorbei und kletterten auf die Theke. Pedro und Miguel konnten gerade noch ihre Cervezas retten – Beato nicht. Er schlug mit der flachen Hand auf die Theke und schrie dem Barkeeper. Doch dieser konnte ihn nicht hören. Es war einfach zu laut. Die Mexikaner beendeten das erste Lied. Die hübsche Tänzerin legte einen blitzsauberen Spagat auf die Bühne. Tosender Applaus beherrschte den Saloon. Sie stand auf und verneigte sich mit Grazie mehrmals. Dann fingen die Musiker mit dem nächsten Song an. Diesmal handelte es sich um ein ruhigeres Stück. Plötzlich lief das Publikum kreuz und quer. Einige liefen weiter nach vorne an die Bühne, andere strebten zur Bar hin, wieder andere rückten geräuschvoll die Tische aus der Mitte zur Seite, Frauen mit grossen Ledertaschen drängelten zu den Toiletten. Ein grosses, lautes Durcheinander. Die komischen Gläser mit den bunten Getränken, gefüllt mit Früchten gingen literweise über die Theke. Cristiano, Beato, Miguel und Pedro hielten mit der einen Hand das Cervezaglas und sich selbst mit der anderen Hand an der Theke fest. An das Rauchen der Cubanas war nicht zu denken – ausgebrannt lag die von Pedro im feuchten Aschenbecher. Nachdem einige Gäste über die Biberfelle von Beato gestolpert waren, brachte dieser die wertvollen Felle in einer Ecke im Lokal in Sicherheit und stapelte diese unter einer Eckbank. Allerdings hatte er dann schwer zu arbeiten, um an sein Cerveza an der Theke zurück zu kommen. Zwischenzeitlich fand er sich auf der Damentoilette wieder, da er von der unkontrollierte Menge dorthin abgedrängt wurde. Vollkommen zerzaust und durchnässt kam er nach etwa einer halben Stunde zurück. Worauf er fluchend ein frisches Glas Cerveza bestellte.

Die Musiker postierten sich zum dritten Teil im Halbkreis im hinteren Bereich der Bühne – zentral in der Mitte die dunkel gewandete aufreizende Lady. Als die Mexikaner in die Saiten bzw. auf die Pauke schlugen, betraten über die Bühnentreppe drei weitere Flamenco-Paare händchenhaltend die Bühne. Als die drei Pärchen auf die Bühne stiegen, dachte Pedro kurz ein helles Licht von dort gesehen zu haben. Aber er konnte nichts erkennen und ignorierte diese Wahrnehmung. Sofort ging das Chaos im Publikum in umgekehrter Reihenfolge von vorne los. Johlend und tanzend strömten die schon teils Angetrunkenen „aus allen Löchern“. Festhalten was nicht niet- und nagelfest ist, hiess die Devise für uns. Die Flamenco-Gruppe war nun vollständig. Die hübsche Lady sang und steppte, die drei Pärchen umtanzten sie in wechselnder Besetzung und die Musiker spielten, was die Instrumente hergaben. Nachdem sich die Lage an der Theke wieder beruhigt hatte, da sich die Hauptmasse der Gäste vor der Bühne und im Zentrum des Saloons austanzte, griff Miguel in die Seitentasche seiner Lederjacke und reichte den drei je eine Kubanische Zigarre. Gleichzeitig bissen die vier Freunde die Enden ab und spuckten diese auf den Boden. Dann reichte man sich Feuer und man nahm einen tiefen Zug. Die Zigarre diente lediglich der reiner Beruhigung der Nerven vom bisher Erlebten; denn Rauch und Dunst war im Saloon eh schon reichlich vorhanden. Plötzlich rempelte Miguel seinen Bruder an. Miguel deutete auf die Bühne.

Pedro folgte der Richtung der Hand von Miguel, welche zur rechten Seite der Bühne auf eines der drei Flamenco-Paare zeigte. Da war es wieder das Leuchten. Es schien von der Tänzerin zu kommen. Pedro blickte wie gebannt auf die Lady. Sie hatte brünettes langes Haar welches auf dem Hinterkopf mit einer Goldspange zusammen gebunden war. Bei jeder Drehung warf sie den Nacken zurück und wischte es sich mit der freien Hand charmant aus dem Gesicht. Es gibt Menschen, welche gleich im ersten Augenblick der Begegnung, noch ehe man mit ihnen ein Wort gewechselt hat, einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf uns machen. Ohne dass sich eine solche Person freundlich oder feindselig verhalten hat, fühlt man deutlich, ob man sie hassen oder lieben wird. Pedro erinnerte sich des empfundenen hellen Schein, als die drei Flamenco-Paare die Bühne betraten. Es war die Lady mit dem langen brünetten Haar. Wie in Hypnose blickte er sie an, verfolgte jede Bewegung. Erst als Miguel seine Hand auf Pedros Augen legte, kam er wieder zu sich. Miguel schrie ihm förmlich ins Ohr, er hätte den Tänzer wieder erkannt. Den Tänzer? Pedro konzentrierte sich die letzten Minuten auf die Partnerin des Tänzers. Jetzt erst erblickte er Enrico de La Espuma-Agita.


Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 2

8. Januar 2006

Der lange Weg nach Sacramento – Teil 2:

Pedro blickt in die Runde. Die runden Holztische waren durchwegs besetzt. Auch die Drinks und die Trinkgewohnheiten scheinen sich schwer geändert zu haben. Letztes Jahr gab im alten Saloon lediglich Whiskey pur im Glas, Whiskey mit Eis im Glas oder Whiskey aus der Pulle. Nun hielten die Cowboys und erst recht die weiblichen Gäste Gläser in der Hand, die zu gross für Whiskey- und zu klein für Biergläser waren. Auch der Inhalt sah ganz anders aus – mit bunten Flüssigkeiten gefüllt und teils mit exotischen Früchten bestückt. Ausserdem wurde nicht vom Glas selbst, sondern aus Naturstrohhalmen getrunken. Als der Barkeeper die beiden Cervezas brachte, beugte sich Pedro hinüber zu dessen Ohr und fragte, wie denn die bunten Getränke heissen würden. Der Barkeeper deutete nur zu einem der an der Wand befestigten Spiegel. Pedro las die mit roten Lettern geschriebenen Worte und runzelte erneut die Stirn, drehte sich um und sah sich den Schuppen mal genauer an. Auf der Gegenseite zur Bar befindet sich eine Bühne. Deren schwere rote Vorhänge sind geschlossen. Von der Decke hängen Wagenräder, deren Petroleumlampen ein nur schwaches Licht auf das verrauchte Ambiente werfen. Links von der Bühne gibt sich ein Klavierspieler Mühe die Musik durch den hohen Geräuschpegel zu bringen. Immer wieder wird das Geklimper von Gelächter übertönt. Rechts von der Bühne windet sich eine Holztreppe auf die Galerie. Eine blonde, langhaarige Frau mit einem weinroten Kleid unterhält sich dort oben mit einem geschniegelten Schnauzbartträger. Er trägt einen dunklen Zweireiher mit güldenen Knöpfen – nimmt aber zum Reden nicht mal die Zigarre aus dem Mund. Zweifelsohne der neue Chef des Saloons. Pedro rempelt Miguel an und deutet kopfschüttelnd hinauf. Miguel nimmt einen der Cerveza-Krüge und in einem Ritual (Anstossen in der Reihenfolge links-rechts-links) prosten sich die Brüder zu und leeren die Krüge in einem Zug.

Krachend stellen Miguel und Pedro die leeren Glaskrüge auf die Theke. Der Ober schaut nur kurz auf und schenkt zwei weitere ein. Pedro greift in die Brusttasche der Lederjacke und befördert zwei Cubanas heraus. Eine hält er Miguel stumm hin, die andere beisst er am Ende ab und spuckt dieses neben sich auf den Boden. Gerade vor die Füsse eines Trappers. Als Pedro langsam seinen Blick erhebt, sieht er in das von der Wildnis gegerbte Gesicht. Die Biberfellmütze hat der etwa 38-jährige Mann weit über die Augen gezogen. Als der Fremde die Mütze abnimmt, erkennt Pedro das Grinsen eines guten Freundes. Es ist Cristiano, dessen Eltern  schon vor dem Gorrión-Clan in New Mexico aus Spanien ankamen. Sein Nachname setzt sich aus dem der Mutter „Alto“ und des Vaters „El Esperar“ zusammen – Er selbst nennt sich daher „Cristiano El Altoesperar“. Er hält sich schon seit seiner Kindheit im Winter in den Urwäldern rund um Castillo de la Lluvia auf und schlägt sich als Fallensteller durch. Die Brüder de Gorrión und Cristiano hatte sich seit dem extrem kalten Winter im letzten Jahr nicht mehr gesehen. Daher fiel erst nach der ausgiebigen Begrüssung der Blick auf den Begleiter von El Altoesperar. Ein schlanker aber kräftiger Mann stand neben Cristiano und trug über die Schultern jeweils ein dickes Paket mit Biberfellen. Seine Hose und seine Jacke bestand aus bestem Braunbärenfell und er schwitzte merklich unter dieser Bekleidung. Cristiano stellte seinen Freund als Beato del Llevadosuiza vor. Dieser warf nach einem kurzen Handschlag beide Biberfellpakete auf den Boden und bemühte sich schnell aus der Bärenfelljacke zu kommen. Er lehnte sich anschliessend über die Theke und bestellte zwei weitere Cervezas.

In diesem Moment ertönte ein Tusch. Der schwere rote Vorhang wurde ruckartig nach oben gezogen und die Bühnenpetroleumlampen wurden heller gedreht. Schlagartig verstummte das allgemeine Gebrabbel im Saloon. Mitten auf der erhöhten Bühne sass in einem roten Lehnstuhl eine junge Dame. Die netzbestrumpften schlanken Beine überkreuzt, in einem knappen schwarzen weit ausgeschnittenen Kleid, mit einer rosa Federboa um den schlanken weissen Hals geschlagen und hoch toupierten dunklen Haaren auf deren Spitze ein Silberkrönchen mit perlenbesetzten Haarnadeln fast unsichtbar befestigt war. Mit spitzen Fingern hielt sie eine rauchende lange Zigarette und führte diese lasziv zu ihren roten Lippen. Dabei blickte sie mit ihren mit künstlichen schwarzen Wimpern bewerten Augen langsam in das Publikum. Kurz: Ein Bild von einer Frau. Es war mucksmäuschenstill. Nur ein Mann in der rechten Ecke war zu früh eingeschlafen und lehnte auf einen Arm gestützt leise schnarchend über ein halb geleertes Whiskeyglas. Miguel hatte sein Bierglas zum Trinken angesetzt, stand nun aber mit weit geöffneten Augen und halb offenem Mund wie festgenagelt da. Pedro hob die Hand und klappte Miguel`s Mund zu. Pedro grinste Miguel an, doch dieser machte nur eine kurze abwertende Handbewegung und starrte wieder wie gebannt auf die Bühne. Cristiano grinste wie gewohnt über beide Backen – wären da nicht die Ohren im Wege, wäre der Kopf nach hinten weggeklappt.