Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 3


Der lange Weg nach Sacramento – Teil 3:

Dann öffneten sich die Vorhänge links und rechts der Bühne ganz. Von jeder Seite betraten je zwei Gitarrespielende Mexikaner die Planken. Auch zwei Bongospielende Mexikaner kamen hinzu. Sie hatten grosse bordürengeschmückte Sombreros auf und trugen farbenfrohe Kostüme. In diesem Moment stand die Lady mit ausladenden Schritten vom roten Stuhl auf, schaute zur Seite, erhob ihre Hände und fing an im Takt zu klatschen und mit den Füssen zu stampfen. Dann nahm sie ihren Rock, hob ihn auf einer Seite an, reckte die andere Hand in die Höhe und drehte sich mehrmals. Der Flamencoabend hatte begonnen. Die Menge sprang von den Tischen auf, johlte und klatsche mit. Tische fielen um, Stühle fielen um, Gläser fielen um. Wildfremde Menschen fielen sich um den Hals und tanzten. Zwei Frauen drängten sich an uns vorbei und kletterten auf die Theke. Pedro und Miguel konnten gerade noch ihre Cervezas retten – Beato nicht. Er schlug mit der flachen Hand auf die Theke und schrie dem Barkeeper. Doch dieser konnte ihn nicht hören. Es war einfach zu laut. Die Mexikaner beendeten das erste Lied. Die hübsche Tänzerin legte einen blitzsauberen Spagat auf die Bühne. Tosender Applaus beherrschte den Saloon. Sie stand auf und verneigte sich mit Grazie mehrmals. Dann fingen die Musiker mit dem nächsten Song an. Diesmal handelte es sich um ein ruhigeres Stück. Plötzlich lief das Publikum kreuz und quer. Einige liefen weiter nach vorne an die Bühne, andere strebten zur Bar hin, wieder andere rückten geräuschvoll die Tische aus der Mitte zur Seite, Frauen mit grossen Ledertaschen drängelten zu den Toiletten. Ein grosses, lautes Durcheinander. Die komischen Gläser mit den bunten Getränken, gefüllt mit Früchten gingen literweise über die Theke. Cristiano, Beato, Miguel und Pedro hielten mit der einen Hand das Cervezaglas und sich selbst mit der anderen Hand an der Theke fest. An das Rauchen der Cubanas war nicht zu denken – ausgebrannt lag die von Pedro im feuchten Aschenbecher. Nachdem einige Gäste über die Biberfelle von Beato gestolpert waren, brachte dieser die wertvollen Felle in einer Ecke im Lokal in Sicherheit und stapelte diese unter einer Eckbank. Allerdings hatte er dann schwer zu arbeiten, um an sein Cerveza an der Theke zurück zu kommen. Zwischenzeitlich fand er sich auf der Damentoilette wieder, da er von der unkontrollierte Menge dorthin abgedrängt wurde. Vollkommen zerzaust und durchnässt kam er nach etwa einer halben Stunde zurück. Worauf er fluchend ein frisches Glas Cerveza bestellte.

Die Musiker postierten sich zum dritten Teil im Halbkreis im hinteren Bereich der Bühne – zentral in der Mitte die dunkel gewandete aufreizende Lady. Als die Mexikaner in die Saiten bzw. auf die Pauke schlugen, betraten über die Bühnentreppe drei weitere Flamenco-Paare händchenhaltend die Bühne. Als die drei Pärchen auf die Bühne stiegen, dachte Pedro kurz ein helles Licht von dort gesehen zu haben. Aber er konnte nichts erkennen und ignorierte diese Wahrnehmung. Sofort ging das Chaos im Publikum in umgekehrter Reihenfolge von vorne los. Johlend und tanzend strömten die schon teils Angetrunkenen „aus allen Löchern“. Festhalten was nicht niet- und nagelfest ist, hiess die Devise für uns. Die Flamenco-Gruppe war nun vollständig. Die hübsche Lady sang und steppte, die drei Pärchen umtanzten sie in wechselnder Besetzung und die Musiker spielten, was die Instrumente hergaben. Nachdem sich die Lage an der Theke wieder beruhigt hatte, da sich die Hauptmasse der Gäste vor der Bühne und im Zentrum des Saloons austanzte, griff Miguel in die Seitentasche seiner Lederjacke und reichte den drei je eine Kubanische Zigarre. Gleichzeitig bissen die vier Freunde die Enden ab und spuckten diese auf den Boden. Dann reichte man sich Feuer und man nahm einen tiefen Zug. Die Zigarre diente lediglich der reiner Beruhigung der Nerven vom bisher Erlebten; denn Rauch und Dunst war im Saloon eh schon reichlich vorhanden. Plötzlich rempelte Miguel seinen Bruder an. Miguel deutete auf die Bühne.

Pedro folgte der Richtung der Hand von Miguel, welche zur rechten Seite der Bühne auf eines der drei Flamenco-Paare zeigte. Da war es wieder das Leuchten. Es schien von der Tänzerin zu kommen. Pedro blickte wie gebannt auf die Lady. Sie hatte brünettes langes Haar welches auf dem Hinterkopf mit einer Goldspange zusammen gebunden war. Bei jeder Drehung warf sie den Nacken zurück und wischte es sich mit der freien Hand charmant aus dem Gesicht. Es gibt Menschen, welche gleich im ersten Augenblick der Begegnung, noch ehe man mit ihnen ein Wort gewechselt hat, einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf uns machen. Ohne dass sich eine solche Person freundlich oder feindselig verhalten hat, fühlt man deutlich, ob man sie hassen oder lieben wird. Pedro erinnerte sich des empfundenen hellen Schein, als die drei Flamenco-Paare die Bühne betraten. Es war die Lady mit dem langen brünetten Haar. Wie in Hypnose blickte er sie an, verfolgte jede Bewegung. Erst als Miguel seine Hand auf Pedros Augen legte, kam er wieder zu sich. Miguel schrie ihm förmlich ins Ohr, er hätte den Tänzer wieder erkannt. Den Tänzer? Pedro konzentrierte sich die letzten Minuten auf die Partnerin des Tänzers. Jetzt erst erblickte er Enrico de La Espuma-Agita.

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