Manchmal ist die Idee einfach perfekt. So perfekt, dass sie an der Realität scheitert.
Bielefeld zeigt, wie aus grünem Ehrgeiz ein logistisches Abenteuer wird. Inklusive sauberer Fahrzeuge, sauberer Energie und erstaunlich schmutziger Umwege.
Bundesverkehrsminister Volker Wissing war wieder in den Schlagzeilen, nachdem eine Investigativ-Recherche von “frontal” (ZDF) viel Aufsehen erregt hat: Es geht um den angeblich klimaschonenden Dieselkraftstoffs HVO100, die Verbindungen des Verkehrsministeriums zur Kraftstoff-Lobby, und die Frage der Käuflichkeit. Der Verkehrsminister weist alle Vorwürfe zurück – aber nicht nur die, sondern offenbar auch das ein oder andere physikalische Gesetz.
Wasserstoffautos? Die Lösung für die Zukunft? 1 Kilo Wasserstoff kostet aktuell 19 Dollar in den Staaten = 19 Euro = 19 CHF aktuell. Wir haben Währungsparität.
19 Dollar kostete heute 1 Kilo Wasserstoff in den Staaten
Also „Grün“ ist bei Wasserstoff erst mal gar nix. Aber der Wasserstoffpreis hängt wegen der Erzeugung aus Erdgas direkt mit dem Gaspreis zusammen. Dieser steigt aktuell extrem weil Putin den Gashahn zudreht, weltweit aber für viel Prozesse Gas benötigt wird.
Wasserstoff Fahrzeuge in Kalifornien bekommen eine 10.000$ Tankkarte – aber mit den krassen Preiserhöhung sind die schnell aufgebraucht, und man ist 3 jahre an das Leasing gebunden.
Ausserdem sind zugefrorenen Zapfhähne immer noch ein Problem. Denn Wasserstoff wird auf minus 270 Grad runtergekühlt und komprimiert, um flüssig zu bleiben.
Wenn Freunde und Bekannte von Euch immer noch auf Wasserstoffautos und Tankstellen warten, dürfen diese hier gerne aus der Praxis lesen:
ABER: BYD ist der grösste Akkuhersteller und (Nutz)fahrzeuge Produzent. Elektrobusse der Marke BYD sind in mehr als 100 europäischen Städten im Einsatz. Der Großteil der BYD-Elektrobusse, die in der EU verkauft werden, wird in der BYD-Produktionsstätte in Komárom in Ungarn gebaut. https://www.salto.bz/de/article/07102021/eu-elektro-busse-nehmen-fahrt-auf
Es ist viel leichter eine Betriebsgenehmigung für einen HPC Ladepark zu bekommen, als für eine Wasserstofftankstelle mit all den Sicherheitsbestimmungen. Und Strom ist im Betriebshof einer Gemeinde eh schon da. Waserstoff muss im Tanklastzug geliefert werden. Stromkosten sind fix und kalkulierbar. Waserstoff hängt am Gaspreis. Für ÖV Beteiber, Städte und Gemeinden muss das alles einfach planbar sein. Und so entscheidet man sich (im Gemeinde- oder Stadtrat) eher für Elektro.
Die Lobbyisten des Wasserstoffantriebs trommeln weiter wie verrückt und freuen sich über Millionen-Investitionen der Politik. Dabei gibt es für batterieelektrische Vollstromer längst viel bessere Argumente. Zum Beispiel die von Professor Maximilian Fichtner.
Maximilian Fichtner Der Chemiker ist Direktor am Helmholtz-Institut für elektrochemische Energiespeicherung (HIU) und ein ausgewiesener Elektromobilität-Experte.
Der Mann kennt sich aus, für die Aufzählung seiner aktuellen Funktionen brauchen wir hier einen ganzen Absatz. Fichtner ist Direktor am Helmholtz-Institut Ulm (HIU) für elektrochemische Energiespeicherung, Professor für Festkörperchemie an der Universität Ulm und außerdem Leiter der Abteilung Energiespeichersysteme am Institut für Nanotechnology des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Und hat in der Vergangenheit, wie er gern betont, auch schon mal 12 Jahre lang an Wasserstoffantrieben mit Brennstoffzellen gearbeitet.
Grundsätzlich kann er ruck, zuck vorrechnen, wie dramatisch ineffizient der Einsatz von synthetischen Kraftstoffen im Pkw-Bereich ist. Quasi zum Aufwärmen. Nach aktuellen Zahlen, legt Fichtner los, sei zum Beispiel für die Produktion eines Liters E-Diesel aus Kohlendioxid und Wasserstoff eine Energie von 27 kWh notwendig. Und um da auf eine Reichweite von 100 Kilometer zu kommen, würde sich das bei einem VW Golf Diesel, der im realen Schnitt so sechs Liter Sprit schlucke, auf immerhin 162 kWh potenzieren. Fichtner: „Mit dieser Energiemenge würde ein modernes Elektroauto emissionsfrei bis zu 1000 Kilometer weit kommen.“ Von den Emissionen und dem nagelnden Lärm des Diesels ganz zu schweigen. Ein schöne Schockrechnung.
Fichtner ist in guter Gesellschaft
Maximilian Fichtner ist bei weitem nicht der einzige, der den automobilen Einsatz von Wasserstoff kritisch sieht. Mittlerweile ist es in der Forschung nahezu Konsens, dass Wasserstoffantriebe im Pkw-Bereich wenig Sinn machen. Wirtschaftsexpertin Claudia Kemfert zum Beispiel, die seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) leitet, warnt beim Thema Wasserstoff dringend vor Euphorie: „Er ist quasi der Champagner unter den Energieformen.“ Seine Herstellung erfordere drei- bis fünfmal so viel Energie, als wenn man erneuerbare Energien direkt nutzen würde.
Da kann sie sich richtig aufregen: „Manche träumen offenbar davon, ihre übermotorisierten SUV mit Wasserstoff zu betreiben.“ Champagner in den Tank helfe aber weder dem Klima noch der Wirtschaft, sondern sei bloße Verschwendung oder eine simple Verlagerung der klimaschädlichen Emissionen von der Straße in die längst noch nicht grüne Wasserstoffindustrie. „Wir brauchen stattdessen eine aktive Verkehrswende, die gezielt die Elektromobiltät über den Ausbau der Ladeinfrastruktur fördert, ebenso den öffentlichen Nahverkehr und den Schienenverkehr“, fordert die Wirtschaftsexpertin.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.